Ein kleine WG und eine große Lebensentscheidung
Ein kleine WG und eine große Lebensentscheidung
Mei Lin* kam als internationale Studentin nach Deutschland, ist durch die Einladung einer Studentin zum christlichen Glauben gekommen und berichtet hier, wie es dazu kam. Viel Freude beim Lesen.
*(Namen von der Redaktion geändert)
1) Mei Lin*, wie war es für dich, als internationale Studentin nach Deutschland zu kommen?
Ich bin in China aufgewachsen und lebe jetzt seit dreieinhalb Jahren in Deutschland. Die deutsche Sprache habe ich mir größtenteils selbst beigebracht, weil ich mich schon lange auf ein Studium hier gefreut habe. Schließlich habe ich mich dann für Philosophie und klassische Philologie entschieden, mit dem Schwerpunkt Latinistik.
Am Anfang war die Begeisterung riesig – ich war wirklich motiviert und neugierig. Aber ziemlich schnell habe ich gemerkt, dass der Start ins Studium doch schwieriger war, als ich erwartet hatte. In meinem Studiengang gab es kaum internationale Studierende. Und auch außerhalb des Studiums habe ich leider einige unschöne Erfahrungen gemacht – manche Menschen waren mir gegenüber respektlos oder unfreundlich, nur weil ich in dieser Kultur als Außenstehende wahrgenommen wurde und anders aussehe. Das hat dazu geführt, dass ich mich oft unwillkommen gefühlt habe, fast so, als würde ich hier gar nicht richtig dazugehören oder als wäre ich weniger wert.
2) Danke für deine Offenheit und Ehrlichkeit. Das klingt tatsächlich sehr herausfordernd. Bevor wir an dieser Stelle nochmal weitergehen, würde ich dich gern fragen, was deine Kindheit und Jugend in China geprägt hat? Und ob du bereits Berührungspunkte mit dem Thema „Glaube“ hattest?
Insgesamt würde ich sagen, dass ich früher eine sehr rationale Person war – und eine überzeugte Atheistin. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich eigentlich nie wirklich über Religion oder spirituelle Themen nachgedacht. In meiner Schulzeit in China gab es keinen Raum für Übernatürliches oder Glaubensfragen – uns wurde vielmehr vermittelt, dass nur das zählt, was aus Materie besteht. Materialismus, Objektivität und wissenschaftliches Denken hatten in unserem Bildungssystem einen sehr hohen Stellenwert. Für Idealismus, Geistliches oder subjektive Spiritualität war da absolut kein Platz.
Auch in meinem Freundeskreis war das ähnlich – alle waren Atheisten. Eine kleine Ausnahme gab es allerdings in meiner Familie: Mein Onkel und meine Großmutter sind katholisch, und ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihnen, was mich im Rückblick vielleicht unbewusst schon ein Stück weit geprägt hat. Mein Onkel hatte zum Beispiel über der Tür ein Kreuz hängen, er hat mit mir gebetet und mir sogar einmal eine Bibel geschenkt. Damals konnte ich das aber überhaupt nicht annehmen, weil es meinem gesamten Weltbild widersprach. In der Schule hatte ich gelernt, dass so etwas einfach nicht wahr sein kann – und deshalb habe ich mir darüber keine weiteren Gedanken gemacht.
3) Und nun wurdest du ziemlich genau vor einem Jahr zu einer Evangelisationsveranstaltung in einer Gemeinde eingeladen. Wie kam es dazu?
Ja, das war wirklich eine spannende und sehr bedeutende Wende in meinem Leben. Ich habe damals in einem Studentenwohnheim gewohnt, und meine Mitbewohnerin – von der ich wusste, dass sie Christin ist – hat ihren Glauben auf eine ganz besondere Art ausgestrahlt. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich habe angefangen, ihr viele Fragen zu stellen, und sie hat mir offen von ihrem Glauben und ihrer Gemeinde erzählt.
Im November 2024 hat sie mich dann mit einem Flyer zu einem missionarischen Vortrag in ihrer Gemeinde eingeladen. Zufälligerweise hatte ich an dem Tag Zeit – und auch echtes Interesse. Ich war inzwischen eine recht offene und neugierige Person geworden. Gleichzeitig steckte ich in einer Phase, in der ich viele Fragen zu meinem Studium hatte und nach Rat und mentaler Unterstützung suchte.
Der Vortrag hat mich dann tief berührt. Besonders dieser Satz des Referenten blieb mir im Kopf: „Der Sohn ist gekommen, um zu retten und zu suchen, die verloren sind.“ Das hat mich bewegt. Ich fand es unglaublich tröstlich, dass man einfach zu Jesus kommen kann – ohne Vorbedingungen – und dass der christliche Glaube so viel Hoffnung und Freude bereithält. Die Vorstellung, dass es einen Gott gibt, der immer da ist, gerade dann, wenn man sich allein fühlt, hat mich sehr fasziniert und berührt.
4) Du hast schon das Stichwort Faszination genannt. Sag doch gern mal, was hat dich am Christentum fasziniert?
Was mich am meisten begeistert, ist, dass dieser Glaube echten Sinn im Leben vermittelt – und von Dingen spricht wie Hoffnung, Trost, Vergebung, Zuversicht, Lebensziel und Heilung. Also eigentlich von allem, was wahr, gut und schön ist. Für mich ist das wirklich die beste Nachricht überhaupt.
Ich habe im letzten Jahr erlebt, wie Gott mich und meine Persönlichkeit auf eine sehr positive Weise verändert hat. Früher habe ich oft nach Bestätigung von außen gesucht und sehr darunter gelitten, wie andere mich bewerten. Besonders auf chinesischen Social-Media-Plattformen spielt das äußere Erscheinungsbild eine riesige Rolle. Es ist dort völlig normal, dass man sich gegenseitig auf sein Aussehen reduziert oder sich Vorwürfe macht, etwa weil man zugenommen hat. Heute ist es für mich etwas ganz Besonderes, meine Identität als Christin zu haben – in Christus zu wissen, dass es eine objektive Wahrheit bei ihm gibt und dass er uns Menschen ganz anders sieht, als wir uns selbst oft sehen. Ich habe gelernt, dass ich anders sein darf, dass ich mich nicht beweisen muss und nicht auf Bestätigung von anderen angewiesen bin. Das zu verstehen war unglaublich befreiend – und es hat mir eine tiefe innere Ruhe geschenkt.
5) Du warst ein Monat nach dem Vortrag in der Gemeinde auf zwei SMD-Freizeiten. Wie war das und wie war der Kontakt zu Christen für dich?
Besonders schön finde ich es, gemeinsam mit anderen Christinnen und Christen zu singen und Musik zu machen. Lobpreislieder sind mittlerweile eins meiner liebsten Musikgenres geworden. Auch in Kirchenchören habe ich gerne mitgesungen. Diese musikalische Gemeinschaft, aber auch generell das Miteinander mit anderen Christen, tun mir unglaublich gut.
Musik und Lobpreis haben mich auch während der internationalen Weihnachtsfreizeit der SMD sehr berührt. Wir hatten dort unglaublich viel Spaß zusammen, haben viel gelacht und uns gleichzeitig – obwohl wir aus ganz unterschiedlichen Ländern und Denkrichtungen kamen – intensiv über Gottes Botschaft ausgetauscht. Diese Mischung aus Freude, Tiefe und Offenheit hat mich sehr bewegt.
Nach der Abreise bin ich nach einem Tag Pause noch zur SMD-Silvesterfreizeit gefahren. Dort hat mich besonders begeistert, wie tief wir uns austauschen konnten und wie ernst die Studis ihren Glauben und die Auseinandersetzung mit komplizierten, intellektuellen Anfragen genommen haben. Und zugleich haben die Studis ihren Glauben absolut ausgestrahlt.
Am Anfang des Glaubensleben können die vielen neuen Informationen natürlich auch überfordernd sein. Aber gerade in der SMD-Gruppe in Bamberg habe ich einen sehr vertrauten, fast familiären Ort gefunden. Dort kann ich all meine Fragen stellen und erlebe Annahme und Zugehörigkeit. Ich genieße es sehr, Teil dieser Gruppe zu sein und auch selbst Verantwortung zu übernehmen.
6) Was für ein besonderer Weg, gerade auch mit deinen Stationen in der Hochschul-SMD. Nun bleibt noch eine letzte Frage: Wozu ermutigst du die Studierenden der Hochschul-SMD?
Ich ermutige euch sehr, gerade mit internationalen Studierenden Gemeinschaft zu leben. Oft sind sie allein und ohne Gemeinschaft, gerade wenn sie neu nach Deutschland kommen. Ladet Studis in eure Gruppen ein, denn das ist für einige eine große Chance, um Freundschaften zu knüpfen. Sprecht ganz natürlich darüber, was ihr glaubt. Gemeinschaft ist also ein sehr guter Punkt, um anzufangen, denn dabei lernt man den christlichen Glauben auf eine ganz natürliche Art und Weise kennen. Aber auch Waffeln oder Kuchen auf dem Campus zu verteilen, eignet sich super, um mit Studis ins Gespräch zu kommen und Interesse zu wecken. Und falls Studis in eure Gruppen und zu Freizeiten kommen, dann ermutige ich euch Bibel zu lesen und zu vertrauen, dass Dinge passieren und sie mit der Zeit sehen, wie es ist als Christ zu leben.
Mei Lin* aus Bamberg
*(Namen von der Redaktion geändert)