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Eins noch: Abschieds-Gedanken von Jan Ladewig

16.07.2021

Eins noch: Abschieds-Gedanken von Jan Ladewig

Aesculus hippocastanum: Mehr als nur ein Happy Hippo-Snack

Hast du eine Marotte? Ob es bei mir eine ist oder doch nur eine gewöhnliche Angewohnheit, das darfst du entscheiden: Ich gucke gerne aus dem Fenster. Ob in der Wohnung, dem Zug oder während meines Studiums im Hörsaal und der Bibliothek – die Fensterplätze hatte und habe ich eigentlich immer am liebsten. Von Acer platanoides bis Quercus robur, von Fagus silvatica bis Pseudotsuga menziesii – der Ausblick auf die Bäume ist mein besonderer Reiz. Ich bin fasziniert von den Blättern, die trotz ihrer winzig kleinen „Befestigung“ am Ast, dem stärksten Wind zu trotzen verstehen. Ich bin beeindruckt vom Wuchs der Äste und der ausgebildeten Kronenstruktur, deren schwarze Silhouette im abendlichen Sonnenlicht jeder Art eine ganz eigene Ausstrahlung verleiht. Und ich bin begeistert, wenn der Fuchs hinter dem Stamm hervortritt, sich der Reiher aus der Krone emporschwingt oder die Hummeln tausende Blüten umschwirren, von dem Leben, das jeder von ihnen birgt.

Meine Reisedienstzeit bei der SMD ist vorüber und wir haben als Familie in Stuttgart einen neuen Platz gefunden zum Wurzeln schlagen: Eine Wohnung mit vielen Fenstern. Und trotz allem Neuen ist eins doch beim Alten geblieben. Als ob sie zur Begrüßung schon auf mich gewartet hätten: Juglans regia, mit seiner manchmal silbrig scheinenden Borke und der lichten, hellgrünen Krone. Fraxinus excelsior, mit seinen tiefschwarzen Knospen, aus denen sich riesige Fiederblätter entfalten. Taxus bacatta, dessen tiefgrüne Nadeln und knallroten Beeren mich trotz ihres Giftes selbst im Sommer an das wohltuende Weihnachtsfest erinnern. Prunus avium, mit Zweigen, die direkt über die Dachterrasse ragen und uns die süßen Früchte mundgerecht servieren. Und einem Baum, der alles zuvor genannte wortwörtlich in den Schatten stellt: Aesculus hippocastanum – eine riesige Rosskastanie. In ihrem kühlen Sonnenschutz lässt sich die sommerliche Hitze auf dem Spielplatz neben unserem Haus sehr gut ertragen. Schon jetzt freue ich mich auf das Sammeln der Früchte im Herbst, um mit meinen zwei Mädels Kastanientiere zu basteln. Und mit ihren 5-fiedrigen Blättern scheint sie mir jeden Tag aufs Neue ihre Hand zu reichen, um weiter staunend zu entdecken …

Du fragst dich, was das Ganze mit dir zu tun hat? Eine gute Frage und vielleicht der Starpunkt einer Reise, an den ich während meines Reisedienstes auch gelangt, dann aber eher wie angewurzelt stehen geblieben bin. Ich habe Forstwissenschaften studiert und bereits in den faunistischen Grundlagenvorlesungen des ersten Semesters gemerkt, dass dieses Fach mir als Christ so einiges zu Denken geben kann, sowohl meinen Glauben herausfordernd als auch noch viel mehr bestärkend und motivierend. Aber wie macht man das eigentlich, „sein Studienfach vom Glauben her durchdringen“? Es ist eins der Ziele der Hochschul-SMD für jeden Studierenden dieser Generation, wie es das Zielbild der Hochschul-SMD formuliert – vielleicht nicht ganz einfach zu realisieren, aber mit Sicherheit eine spannende Reise wert. 

… Ein weiterer Blick aus dem Fenster und die Fiederblätter der Kastanie erinnern mich an einen Notizzettel, eifrig beschrieben in einer schlaflosen Nacht. Es ist eine Art behelfsmäßige Landkarte mit fünf Orientierungspunkten, die ich im Umzugstrubel fast vergessen hatte. An meiner neuen Arbeitsstelle im Forstamt der Stadt Stuttgart will ich mich nun erneut damit auf die Reise machen:

1)      Gott, der Schöpfer aller Dinge  

Seit Beginn meines Studiums gehen mir Paulus Worte im Römerbrief nicht mehr aus dem Sinn: „Seit der Erschaffung der Welt sind seine Werke ein sichtbarer Hinweis auf ihn, den unsichtbaren Gott, auf seine ewige Macht und sein göttliches Wesen.“ (Röm. 1,20 - NGÜ) Und ich finde nicht zu Letzt ist die Rosskastanie dafür ein lebender Beweis. Hast du schon mal das Saftmal in ihren weißen Blüten beobachtet? Beginnt die Nektarproduktion in den Blüten erscheint das Saftmal gelb. Sobald die Blüten hingegen bestäubt wurden färbt es sich rot. Es wirkt somit wie eine Art Ampel, die Hummeln und Bienen zu den Blüten leitet, die für eine möglichst effektive Produktion von Kastanien noch bestäubt werden müssen. Ein wahres Wunderwerk der Ingenieurskunst, wenn das alles in menschlichen Händen läge. Jede rote Blüte unter dem Baum ist mir eine Erinnerung daran, dass Gott alles um mich herum geschaffen hat, in den Dingen wirkt und ich ihn somit voller Vorfreude auch auf der Reise durch mein Studienfach erwarten darf.

2)      Themen meines Fachgebiets in der Bibel

Seit ein paar Jahren liegt bereits ein grüner Buntstift in meiner Bibel. Nicht weil mich das zu einem richtigen Bibelleser und echten Christen machen würde, sondern weil ich mich beim Bibellesen beständig auf die Suche machen will nach Texten, die mir einfache Anknüpfungspunkte zu meinem Studienfach bieten. Von grundlegenden Impulsen zur Nachhaltigkeitsdiskussion (Gen. 2, 15) über Wurzelbrut (Jesaja 11, 10) bis hin zur richtigen Herzenshaltung eines Baumfällers :) (Jesaja 10, 15) – ich bin wirklich fasziniert davon, was Gott bereits alles vorbereitet hat. Und es sind Texte und Bilder wie zu Beginn von Psalm 1, die mich ermutigt in kleinen Schritten weitersuchen lassen: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.“ 

3) Zentrale biblische Begriffe mit Worten meines Fachgebiets erklären

Sündenfall, Kreuz, Auferstehung – allein diese drei Begriffe fordern mich immer wieder heraus, wenn ich mit anderen über meinen Glauben ins Gespräch komme, ganz gleich ob sie Christen sind oder nicht. Eine gemeinsame Sprache, die mein Gegenüber versteht, und ein passendes Bild, dass auch mir die Bedeutung immer wieder vor Augen führt, wären da eine große Hilfe. Die folgende Analogie zum Paradies und dem Sündenfall überzeugt mich, dass dies kein Wunschdenken bleiben muss: „Wo ökologische Kreisläufe im Wald vom Menschen gestört werden wird häufig auch über die potenziell natürliche Vegetation diskutiert, wenn es um die Wiederaufforstung dieser Waldflächen geht. So eine Art „funktionierender“ Idealzustand des Ökosystems vor dem ersten zerstörerischen Eingreifen des Menschen, zu dem man gerne wieder zurück möchte.“ 

4) Biblische Themen in meinem Fachgebiet

Vielleicht klingt dieser Gedanke für dich etwas absonderlich, wo doch wenigstens in den Naturwissenschaften der methodische Atheismus Gott und sein übernatürliches Wirken für den Erkenntnisgewinn von vorn herein ausschließt. Aber mit Gottes Auftrag, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren, fällt mir direkt ein Beispielthema ein, dessen wesentliche Bedeutung für den Bereich Forstwissenschaften auf der Hand liegt.

5) Herausforderungen meines Fachgebiets, die biblische/ christliche Antworten bedürfen

Ehrlich gesagt ist dieser letzte Punkt auch in meinem Kopf noch sehr vage, aber dafür mit einem umso konkreteren Beispiel verbunden: Ein amerikanischer Politikwissenschaftler hat über Jahre hinweg die Auseinandersetzungen zwischen Naturschützern und forstlichen Waldnutzern erforscht, die mit ihren Formulierungen und Argumentationen ihre Ansichten wie eine Art säkulare Religionen vertreten. Bisherige finanzielle Ausgleichszahlungen, als marktwirtschaftliches Instrument, haben die Uneinigkeiten häufig noch nicht lösen können, so dass er tatsächlich theologische Grundlagen für die Problemlösung für notwendig hält. 

Ich bin gespannt, wohin mich meine Reise führt. Ob aus den vagen Ideen, verlässliche Wegmarkierungen werden. Ob mich die fünf Orientierungspunkte tatsächlich zum Ziel bringen, mein Studienfach vom Glauben her zu durchdringen, ober ob ich ganz neue Wegweiser entdecke. Warum kommst du nicht einfach mit? Mit deiner ganz eigenen Faszination für dein Studienfach, deinen Orientierungspunkten und deinen Beispielen?

Für eine wesentliche Sache meiner Reise ist schon vorgesorgt: In meinem Büro habe ich einen Fensterplatz. 

Jan Ladewig war 3 Jahre als Regionalreferent für die Hochschul-SMD in Bayern unterwegs.